RIP Google Inbox: Googles Versuch zur Revolutionierung des Posteingangs ist gescheitert (Kommentar)

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Man kann nicht sagen, dass die Ankündigung überraschend kam, aber dennoch hatten zum jetzigen Zeitpunkt nur die wenigsten damit gerechnet: Google Inbox wird eingestellt und schon ab März 2019 nicht mehr zur Verfügung stehen. Viele Features des experimentellen Posteingangs befinden sich mittlerweile in GMail, aber dennoch sind sehr viele Nutzer nun enttäuscht. Doch diesen strategischen Fehler musste Google irgendwann beheben.


Die E-Mail gehört zu den ältesten Anwendungen bzw. Technologien im Internet und hat bereits viele Jahrzehnte auf dem Buckel. Trotz vieler Alternativen ist sie aber nach wie vor sehr populär und wird das auf absehbare Zeit auch bleiben. Auf Basis dieser alten Technologie hat Google immer wieder versucht, neue Technologien zu etablieren, was dem Unternehmen auch bereits mehrmals gelungen ist. Doch dabei hat man einen strategischen Fehler gemacht.

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Anfang der 2000er Jahre gab es bereits sehr viele Freemail-Anbieter, die den Nutzern sensationelle 20 oder im Extremfall auch 50 MB Speicherplatz und eine sehr langsame Web-Oberfläche geboten haben. Dann kam am 1. April 2004 GMail auf den Markt, das plötzlich eine schnelle und native Oberfläche sowie 1 Gigabyte kostenlosen Speicherplatz geboten hat. Google hat damit nicht die E-Mail revolutioniert, wohl aber den Posteingang und den gesamten Umgang mit E-Mails – die nun nicht mehr regelmäßig gelöscht werden mussten.

Im Oktober 2014, als GMail bereits über 10 Jahre auf dem Buckel hatte, wollte Google den Posteingang ein weiteres mal revolutionieren und hat Google Inbox gestartet. Das Produkt wurde von Anfang an als „experimenteller Posteingang“ bezeichnet und griff bzw. greift auf die GMail-Datenbank zu. Der Nutzer hat also die Wahl, ob er seine E-Mails mit GMail, mit Inbox oder auch mit beiden Apps parallel bearbeiten möchte.

Das Ziel von Inbox war es, Ordnung in den Posteingang zu bringen. GMail hatte dies vor Jahren mit der Konversationsansicht bereits geschafft (die natürlich nicht jedem gefällt), aber dennoch wird man über die Flut kaum noch Herr. Durch die intelligenten Gruppierungen, Erinnerungsfunktionen und einiges mehr ist das Inbox auch tatsächlich gelungen. Damit begeisterte es viele Nutzer – und schon hatte Google ein Problem.



Es war bereits im Jahr 2014 abzusehen, dass Google nicht auf ewige Zeiten zwei Posteingänge parallel betreiben wird, sondern dass man sich eines Tages für eines der beiden Produkte entscheiden muss. Anfangs ging man davon aus, dass das klassische GMail eines Tages einem Frühjahrsputz zum Opfer fallen und Inbox zum Standard wird. Doch bei einem Produkt mit weit über einer Milliarde Nutzern, die auch noch alle eine @gmail.com-Adresse haben, wäre das vermutlich eine große digitale Katastrophe geworden.

Es war also recht schnell klar, dass Inbox nur ein temporäres Produkt sein würde. Hätte man von Anfang an verkündet, dass Inbox nur neue Features ausprobieren und dann wieder verschwinden soll, hätte es vermutlich niemals so viele Nutzer begeistern können. Doch dann hat es sich im Laufe der Jahre etabliert und irgendwann haben die Nutzer gewechselt, da es doch zu einem Dauer-Produkt heraufgestuft zu sein schien. Die optionale Weiterleitung von GMail auf Inbox hat dann das Übrige dazu beigetragen.

Als vor einigen Monaten das neue GMail gestartet wurde, war abzusehen, dass Inbox den Kürzeren gezogen hat und eines Tages eingestellt wird. Dass es zuvor seit Monaten keine Weiterentwicklung von Inbox mehr gegeben hat, war ein weiteres Indiz. Dennoch ließ sich Google dazu hinreißen, zu verkünden, dass Inbox erst einmal nicht eingestellt wird – hat aber gleichzeitig nach und nach immer mehr Funktionen zurückgefahren und versprochen, die wichtigsten Inbox-Funktionen zu GMail zu bringen. Dass Inbox spätestens damit am Ende war, dürfte jedem klar gewesen sein.

Aus diesen Gründen wird die Einstellung von Inbox nun von vielen Nutzern sehr negativ aufgenommen, obwohl es eben absehbar war. Diesen Schuh muss sich Google aber selbst anziehen, denn zwei so unterschiedliche Konzepte wie GMail und Inbox bringt man eben schwer zusammen bzw. kann es unter der gleichen Oberfläche nicht tun. Hätte man nun GMail statt Inbox eingestellt, wäre das Geschrei in die andere Richtung natürlich genauso groß gewesen – vermutlich noch sehr viel größer. Vielleicht wäre es von Anfang an besser gewesen, optionale GMail-Experimente einzuführen, statt ein völlig neues Angebot zu schaffen.

Was bleibt, sind einige erfolgreiche Inbox-Funktionen, die bereits jetzt ihren Weg zu GMail gefunden haben. Dennoch kann man insgesamt sagen, dass es für Neuerungen wie das Zurückstellen von E-Mails und smarte Erinnerungen nicht unbedingt eine Inbox benötigt hätte. Denn das wichtigste Feature, die Gruppierungen, sind bisher nicht zu GMail gekommen. Und ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte, dass es dazu auch nicht kommen wird.



GMail wird mit Sicherheit eine Art von Gruppierungen bekommen, aber das Inbox-Konzept passt einfach nicht zu GMail. Schon die Erinnerungen an E-Mails wurden wieder zurückgezogen, da die GMail-Nutzer einen chronologischen Posteingang vorziehen. Doch die vielen neuen Features von GMail stammen allesamt nicht aus dem Inbox-Experiment, sondern haben dort höchstens debütiert und sind auch in anderen Produkten zu finden: Beispiel Smart Replys.

Google wird auch weiterhin neue Features in die E-Mail bringen und hat gerade erst die E-Mails mit Ablaufdatum und erweiterter Sicherheit angekündigt, will E-Mails durch AMP aber auch interaktiver machen. Doch das sind alles Zusätze und keine grundlegenden neuen Sortierungen. Da beide Mail-Plattformen auf die gleiche Mail-Datenbank zugreifen, ist ein Nutzer-Exodus dennoch nicht zu befürchten, denn mit der E-Mail-Adresse bzw. dem riesigen Archiv kann man eben nicht so leicht umziehen.

Die Hoffnungen der Nutzer liegen nun in der neuen GMail Android-App, im Zuge deren Rollouts vielleicht auch weitere Neuerungen ihren Weg in die GMail-Oberfläche finden. Doch mit dem Neustart von GMail im Web hat man den besten Zeitpunkt für solche Einführungen nun schon wieder verpasst. Bleibt einfach zu hoffen, dass Google daraus lernt und in Zukunft nicht weitere doppelte Apps etabliert. Denn am Ende gibt es immer Leidtragende.

Siehe auch
» RIP Google Inbox: Zu hohe Überschneidungen mit GMail – Inbox wird in wenigen Monaten eingestellt
» GMail: Chrome-Extension GMail Offline wird in wenigen Monaten eingestellt
» Die Liste von Googles Zombie-Apps wird immer länger: Allo, Inbox, Play Music & einige mehr
» Dutzende Produkte eingestellt: Verspielt Google leichtfertig das Vertrauen der Nutzer?


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