Google verspielt die letzten Chancen – die Messenger-Strategie kann nicht funktionieren (Kommentar)

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Wenn man Google eines nicht vorwerfen kann, dann ist es mangelndes Engagement im Messenger-Markt. Doch leider geht das Engagement so weit, dass die Entwickler und Produktmanager immer wieder neue Ideen haben, die in komplett neuen Produkten umgesetzt werden, statt bestehende zu verbessern. In dieser Woche gab es nach einer längeren Ruhepause wieder einige interessante Entwicklungen aus der Messenger-Abteilung zu berichten. Damit wird es wieder einmal Zeit, Googles Messenger-Strategie zu beleuchten.


Schon als Hangouts vor fünf Jahren veröffentlicht wurde, hatte Google ein großes Messenger-Chaos hinter sich, zu dem gerne auch Google Wave gezählt werden darf. Mit Hangouts schien man dann endlich am großen Ziel angekommen zu sein: Ein simpler Messenger mit (damals) großem Funktionsumfang, der plattformübergreifend zur Verfügung steht und von zahlreichen Nutzer auch tatsächlich verwendet wird. Doch leider war die Geschichte damit nicht vorbei. Ganz im Gegenteil.

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Als Google Allo gemeinsam mit dem Video-Messenger Duo erstmals präsentiert wurde, waren die Reaktionen schon sehr gemischt: Viele Nutzer waren von der neuen Oberfläche begeistert und haben vor allem die Integration des Google Assistant gefeiert, der damals einzig und allein nur in Allo zur Verfügung stand. Das war dann aber schon das einzige große Argument für Allo, das durch den Assistant-Rollout an vielen anderen Stellen vollständig entkräftet wurde. Und plötzlich war Allo nicht mehr toll, sondern vor allem die App, wegen der Hangouts sterben muss.

Dass Allo sich nicht zu dem von Google erhofften Erfolg entwickeln wird, war schon sehr früh abzusehen. Es hat nur wenige überrascht, als Google den Entwicklungsstopp von Allo verkündet hat. Vor wenigen Tagen wurde dann auch bekannt, dass Allo endgültig eingestellt wird – was dann von Google schon wenige Stunden später bestätigt wurde. Viel interessanter wird es aber sein, welches Produkt denn jetzt wieder für die Nachfolge bereitsteht. Android Messages wird es jedenfalls nicht sein, auch wenn Google das gerne so hätte, denn Hangouts ist ja für „Teams“ – was auch immer das bedeuten soll.

Tatsächlich wird Google den Messenger Hangouts zurückbringen – und zwar gleich doppelt. Hangouts Meet und Hangouts Chat sollen bald starten und den klassischen Hangouts-Messenger ersetzen, der im Zuge dessen endgültig eingestellt wird. Und nun hofft Google wohl auf den großen Erfolg – aber den wird es unter Garantie nicht geben.



Man muss sich schon fragen, was sich die Strategen in Googles Messenger-Abteilung in den Tee getan haben. Die beiden neuen Messenger Hangouts Chat und Hangouts Meet sollen die Nachfolge von Hangouts antreten und die Nutzer mit neuen Features begeistern. Dass Allo der Nachfolger von Hangouts und Android Messages der Nachfolge von Allo ist, wird dabei einfach mal außer acht gelassen. Man geht also einfach mal drei Schritte zurück, um einen voran zu kommen.

Nachdem die Nutzer von Hangouts zu Allo und dann zu Messages getrieben wurden (was wohl nur die wenigsten mitgemacht haben), sollen sie nun also zurück zu Hangouts wechseln. Dann werden sie aber keinen modernen Messenger vorfinden, sondern gleich ZWEI. Was früher mit einer App möglich war, soll nun plötzlich zwei Apps benötigen – womit die Hürde schon wieder etwas höher gelegt wird. Warum unzählige Social- und Sticker-Funktionen in einen Messenger gehören, die Videotelefonie aber nicht, lässt sich kaum rational erklären.

Das Chaos wird immer größer
Doch wenn Google die Marke Hangouts für Privatnutzer erneut beleben möchte, was wird dann aus den anderen beiden aktuellen Produkten? Ist Android Messages schon wieder von der Einstellung gefährdet, in das man eigentlich so große Hoffnungen hatte und gemeinhin als Googles letzte Chance am Messenger-Markt gesehen wird? Und was wird aus Google Duo? Der Video-Messenger hat als es als Allo-Bruder ohnehin schon nicht leicht. Spätestens mit Hangouts Meet wird er dann wieder überflüssig.

Wie man sieht, ist schon wieder ein unfassbares Chaos entstanden, durch das selbst Google-Fans kaum durchblicken können. Wie soll es dann die Masse der Nutzer tun, die einfach nur einen Messenger nutzen möchte, mit dem die wichtigsten Kontakte erreicht werden können? Gerade in Zeiten der Facebook-Müdigkeit vieler Nutzer haben alternative Messenger Hochkonjunktur. Man sollte meinen, dass ein Konzern wie Google mit den Ressourcen und der Reichweite in der Lage ist, genau einen solchen zu entwickeln. Aber das war leider nur einmal vor weit über 10 Jahren mit Google Talk der Fall. Seitdem ging es nur bergab.

Alle Google-Messenger haben gute Ansätze, kranken aber daran, dass diese sich offenbar immer wieder nur durch einen Neustart umsetzen lassen. Das Interesse an bestehenden Produkten ist insbesondere in der Messenger-Abteilung bei Null angekommen, wie die jetzigen Neustarts wieder einmal zeigen. Die Ausflüge mit Allo und auch Android Messages hätte man sich sparen können und einfach nur das halbwegs etablierte Hangouts weiter entwickeln sollen.

Höchst problematisch war auch der Wechsel zwischen den Kontaktlisten: Einmal auf Account-Ebene, dann bei Allo auf Basis der Telefonnummer und nun wohl wieder per Account. Da ging das Kopieren der vermeintlichen WhatsApp-Geheimnisse dann wohl doch etwa zu weit.



Google hat keine Chance mehr
Mittlerweile ist Google an einem Punkt angekommen, an dem die Präsentation eines neuen Messengers nur noch lächerlich ist und von niemandem mehr ernstgenommen wird. Der neue Messenger hat selbst mit super-innovativen Funktionen keine Chance, denn die Nutzer haben stets im Hinterkopf, dass sie sich wahrscheinlich schon im folgenden Jahr wieder eine neue Heimat suchen müssen. Die erste Neugier der Nutzermassen wird vorhanden sein und Googles Team positiv stimmen – so war es auch bei Allo. Dann kopiert die Konkurrenz die Funktionen und die Entwickler dürfen wieder zurück an das Reißbrett.

Durch die zahlreichen Anläufe ist das Vertrauen so weit am Boden, dass man sich eigentlich die nächsten 10 Jahre jede Investition im Bereich der Messenger sparen kann. Problematisch ist es nun, dass dadurch auch wieder bestehende Produkte geschwächt werden. Schon jetzt ist die Zukunft der großen Hoffnung Android Messages wieder ungewiss, da sich die Entwickler nun auf Hangouts konzentrieren. Selbst Kleinigkeiten wie Umbenennung einer App zeigen, dass hier eine gewisse Planlosigkeit herrscht.

Google hat nun also wieder 4 (!) Messenger im Angebot, zwischen denen die Nutzer wählen dürfen. Das werden sie natürlich gerne tun (nicht).

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Rückkehr zu Hangouts einen endgültigen Charakter haben wird und die Produktmanager länger als nur für eine Saison mit an Bord bleiben dürfen. Insgeheim kann ich natürlich auch schon den Artikel „Hangouts wird eingestellt“ für das Jahr 2020 vorbereiten… Hoffen wir, dass ich ihn nicht benötigen werde.

Aktuelle Informationen zum Messenger-Chaos
» Einstellung von Allo & Hangouts: Warum kann Google keinen erfolgreichen Messenger entwickeln?
» Messenger-Chaos neu erklärt: Google äußert sich zur Zukunft von Allo, Duo, Hangouts & Messages ¯\_(ツ)_/¯
» Hangouts ist tot, lang lebe Hangouts: Google kündigt zwei neue Messenger für Privatnutzer an
» Google Allo: Update der Android-App bereitet das Ende des Messengers vor – so lassen sich Daten exportieren


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comment 3 Kommentare zum Thema "Google verspielt die letzten Chancen – die Messenger-Strategie kann nicht funktionieren (Kommentar)"

  • Herrlicher Kommentar ! Vielen Dank ! Ich kann zu 200% zustimmen ! Dein Schreibstil ist einfach super! So subtil und trotzdem voll treffend ohne von Emotionen durchtrieben zu sein wie meine früheren Kommentare bei Google+ 🙂 Du sagst was Sache ist, verblümst nichts und bleibst trotzdem professionell ! Eine Eigenschaft die ich immer an Dir mochte und mag! Merci !

  • Ew soll ja Nutzer geben, denen Interoperabilität wichtiger ist als bescherte Sticker.

    Und dir deswegen immernoch XMPP=Jänner nutzen, und den ganzen proprietären Mist aus guten Gründen nicht mitgemacht haben…

    Das waren noch Zeiten, als Google offene Protokolle und „don’t be evil“ propagiert hat…

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