Stadia: Spieleplattform war für Google ein Milliardengrab – diese Kosten musste Google zuletzt noch stemmen

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Google hat die Spieleplattform Stadia vor wenigen Tagen endgültig eingestellt und sich überraschend versöhnlich aus dem Streamingmarkt verabschiedet. Dafür hat man den Nutzern nicht nur Abschiedsgeschenke gemacht, sondern auch mit hohem finanziellen Aufwand nahezu alle zuvor entstandenen Kosten ersetzt. Damit ist Stadia für Google zu einem Multimilliardengrab geworden, das auch in den Quartalszahlen sichtbar werden dürfte. Das kommt für Google zur absoluten Unzeit.


stadia logo

Viele unserer Leser werden sich sicherlich noch erinnern können, als Google die Spieleplattform Stadia im Frühjahr 2019 angekündigt hat. Man hat dem Produkt ein eigenes Event spendiert, was man bisher nur für wenige andere Produkte getan hat (selbst die Herbst-Events stehen stets für mehrere Geräte). Es folgten zwei weitere Events, viele Beteuerungen der Nicht-Einstellung und man gab immer wieder interessante Einblicke in die massive technische Infrastruktur und wie lang man schon an diesem Projekt arbeitet.

Google hat sehr viele Ressourcen in Stadia gesteckt
Ein Team von über 250 Googlern hat mehrere Jahre an Stadia gearbeitet. Dazu kommen die Überschneidungen mit Google Cloud, mit YouTube und anderen Abteilungen, die ebenfalls an Stadia gearbeitet haben – die Mitarbeiterzahl dürfte also deutlich höher liegen. Man hat lange am Projekt geforscht, die Infrastruktur geschaffen, eine sehr stabil funktionierende Plattform aufgebaut und betrieben. Es wurden zwei Spielestudios eröffnet, eines übernommen. Man hat Spieleentwickler zum Teil mit bis zu 10 Millionen Dollar pro Titel (!) gefördert. Man hat an Controllern geforscht, einen Controller produziert und und und…

All das zeigt schon, wie viel Geld Google in Stadia gesteckt haben muss, bevor es überhaupt Online gegangen ist. Dann kam die Ankündigung, das Hochfahren der Plattform, der Betrieb der Plattform. Die enormen Energiekosten, Marketingkosten, Aktionen, Gratis-Titel,… Würde man alles aufschreiben und einen Strich darunter machen, käme man sicherlich auf mehrere Milliarden Dollar. Für Google kommt das angesichts der 12.000 Stellenstreichungen zur Unzeit.




Alle Investitionen umsonst
Durch die Einstellung der Plattform, die man in keinster Weise weiterbetreiben möchte und auch offenbar die Technologie weder verwenden noch verkaufen / vermieten möchte, ist all dieses Geld in den Sand gesetzt worden. Mehrere Zehntausend Arbeitsstunden und Ressourcen. Das muss man nun alles abschreiben und könnte schon allein dafür sorgen, dass sich das in den Quartalszahlen des 4. Quartals 2022 und vielleicht auch noch in Q1 2023 bemerkbar macht.

Google erstattet alle Kosten
Aber das ist ja noch lange nicht alles. Im November 2019 hatte man endlich die virtuellen Türen geöffnet und die Spieler auf die Plattform gelassen. Diese dürften im Laufe der knapp drei Jahre das eine oder andere Spiel gekauft haben. Davor haben sie Starterpakete oder Controller gekauft. Schon damals hatte ich Zweifel angemeldet, ob Stadia mit vergleichsweise wenigen Spielern überhaupt profitabel betrieben werden kann. Mutmaßlich war die Plattform auf absolute Masse ausgelegt, mit der man Geld hätte verdienen können. Nicht umsonst sprach man schon damals davon, dass eine Milliarde Nutzer langfristig eine Enttäuschung wären. Eine Aussage, die schon damals überheblich klang und heute selbst über den Fantasiereich hinausgeht.

All diese Umsätze, die man in drei Jahren verbucht hat, muss man nun zurückrechnen. Den Nutzern wurde jeder einzelne Euro und Dollar erstattet. Der geleistete Betrag für jedes einzelne Spiel wandert bis auf den letzten Cent zurück auf das Konto der Nutzer. Das gilt auch für In-App-Käufe. Nicht nur das, es gilt sogar für die Starterpakete und auch für die verkauften Controller. Ein sehr feiner Zug von Google, denn immerhin hatten die Nutzer ja auf eigenes Risiko bis zu drei Jahre Spaß. Das ist aus meiner Sicht absolute Kulanz, aber sicherlich auch ein Schutz vor möglichen Sammelklagen von enttäuschten Gamern. Man will Stadia, wie bereits eingangs erwähnt, wohl so schnell wie möglich und sauber loswerden.

Wer zahlt das alles?
Die große Frage, die sich vor allem kleine Publisher und Spieleentwickler zu Beginn gestellt haben, ist, wer das bezahlt. Google hat die Spiele zwar verkauft, aber den größten Teil des Umsatzes (vermutlich 70 bis 80 Prozent) an die Partner weitergeleitet. Dennoch wird man den Spielern natürlich den vollen Betrag erstatten. Es ist nicht zu erwarten, dass Publisher Klauseln im Vertrag geduldet hätten, die Google ein Zurückholen dieser Beträge ermöglichen würde. Falls doch, könnte es gerade für sehr kleine Publisher das Aus bedeuten.

Am Beispiel Ubisoft sieht man, dass die Spieleentwickler den Schaden wohl nicht tragen, sonst würde man die Spiele nicht weiter zugänglich machen. Daraus ergibt sich, dass Google deutlich mehr zurückzahlt, als man eingenommen hat. Man hat lediglich eine Provision verdient, zahlt aber den vollen Preis zurück. Es ist nicht bekannt, wie viele Spiele jemals bei Stadia gekauft wurden, aber insgesamt kommt da die eine oder andere weitere Million oben drauf.

Vor allem am Beispiel geförderter Titel sieht man den immensen Schaden: Google hat die Entwicklung mit bis zu 10 Millionen Dollar gefördert, das Spiel auf der eigenen Plattform beworben und betrieben und verkauft. Damit ist die Förderung, der Betrieb, das Marketing und der durch das Spiel erwirtschaftete Umsatz verloren.




stadia controller design 3

Wie hoch ist Googles Schaden?
Ich denke, dass die letzten Absätze schon einen guten Einblick darin geben, was da alles aufgelaufen ist. Und sicherlich habe ich noch den einen oder anderen Dollar vergessen, den man ausgegeben hat. Um den Schaden abzuschätzen, müsste man Stadia Nutzerzahlen kennen. Doch es sind keine Nutzerzahlen bekannt, nicht mal der Hauch eines Hinweises darauf, wie viele Spiele jeder Nutzer im Durchschnitt gekauft und so weiter. Es gibt nur Näherungswerte. Aus der Hüfte geschossen würde ich dennoch guten Gewissens behaupten, dass der finanzielle Schaden für Google im Multimilliardenbereich liegt.

Und das Image?
Geld hat Google trotz aktueller Umsatzrückgänge genug. Das Stadia-Aus ist schmerzhaft, aber für das Unternehmen völlig problemlos zu verkraften. Schwerer könnte der Image-Schaden wiegen. Ich habe das bereits in diesem Artikel thematisiert. Stadia kam nicht vom Fleck, weil die Menschen zu wenig Vertrauen in Google haben. Dieses Misstrauen hat man erneut unterstrichen und macht es allen folgenden Google-Plattformen der nächsten Jahre noch schwerer, Nutzer von sich zu überzeugen. So langsam wird das vom Ärgernis zum gewaltigen Problem.

Hätte man die nun anfallenden Entschädigungszahlen für die Nutzer mal lieber in das Marketing gesteckt und die Plattform mit Nachdruck beworben. Wäre sicherlich der bessere Weg gewesen…


Google wird das Stadia-Aus irgendwann als Fehlentscheidung einstufen, darin bin ich mir relativ sicher. Der Spielestreaming-Markt wird in den nächsten Jahren abheben und könnte auch für YouTube zum Problem werden. Google wird es allerdings viele Jahre nicht schaffen, irgendwie darin einzusteigen. Erinnert ein wenig daran, wie man Google Talk beerdigt hat, als WhatsApp seinen Siegeszug begann. Oder wie man Orkut eingestellt hat, als Facebook auf seinen Zenit zusteuerte. Meine Prognose: Google wird in einigen Jahren erneut in den Markt einsteigen, in welcher Form auch immer.

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comment 1 Kommentare zum Thema "Stadia: Spieleplattform war für Google ein Milliardengrab – diese Kosten musste Google zuletzt noch stemmen"

  • Technisch mag Stadia nach einem Jahr gut gelaufen sein. Anfangs hatte ich meine Probleme auf dem Notebook mit dem Xbox Controller. Mega zufrieden war ich nicht. Es gab regelmäßig Artefakte zu sehen.
    Die Auswahl und Anzahl der Games war bescheiden. Die Preise waren auch höher als bei der Konkurrenz von Sony und Microsoft.
    Das Abo habe ich nicht getestet. Ich wollte kein Geld in Stadia Controller investieren, weil ich schon damals erwartet habe, dass Stadia nicht lange leben wird.

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