GMail: Vom Posteingang zur Kollaborationsplattform – bläst Google die einst schlanke Plattform zu weit auf?

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Googles GMail wird sich in den nächsten Monaten sehr stark verändern und durch die Integration zahlreicher weiterer Dienste zu einer mächtigen Kollaborationsplattform ausgebaut werden. Das wird vermutlich nicht allen Nutzern gefallen und man muss sich fragen, ob Google mit dieser Brechstangenmethode tatsächlich auf dem richtigen Weg ist oder eher die erfolgreiche Zukunft von GMail gefährdet.


Wenn Google einen Markt verschläft, dann beginnt im Unternehmen oft das große Aufholrennen, das ohne Rücksicht auf Verluste in Angriff genommen wird. Das hat sich mehrfach bei den Messengern gezeigt und war vor allem rund um den Start von Google+ fast schon legendär – denn man kam plötzlich nicht mehr drumherum. In puncto Kollaboration wird das ähnlich sein, denn Google hat den Stars der Branche – Slack und Microsoft Teams – nichts entgegenzusetzen.

gmail new design logo

Google hat ein sehr umfangreiches Update für GMail angekündigt, das eigentlich schon einem Upgrade oder halben Neustart gleich kommt: Die Bearbeitung von E-Mails wird im neuen GMail fast schon zur Nebensache, denn diese findet nur noch in einem von vier Tabs statt. Die anderen Bereiche sind für die Chat-Kommunikation, die Projektverwaltung sowie für Videokonferenzen reserviert. Aber auch die gesamte Oberfläche wird umgebaut, sodass Dokumente gemeinsam innerhalb von GMail bearbeitet werden können.

Das große Ziel ist es, dass die Nutzer GMail überhaupt nicht mehr verlassen müssen und somit alle Google-Dienste zur Kollaboration verwenden – vom Google Drive über die angeschlossenen Dokument-Apps und den Kalender bis hin zu Google Tasks und natürlich den Messenger- bzw. Kommunikations-Diensten von Meet bis Chat. Google spricht sogar von einem „new home for your work“ – eindeutiger kann man das eigentlich nicht mehr sagen.

Alle Details zu diesem großen Umbau, der in der zweiten Phase auch für Privatnutzer angestoßen werden soll, findet ihr in diesem Artikel. Schaut euch die Änderungen und Screenshots an und entscheidet dann selbst, ob dieser Umbau sinnvoll ist oder vielleicht sogar GMail in der aktuellen Form zerstört. Es scheint auf jeden Fall ein sehr großes Risiko zu sein.

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GMail G Suite Redesign

Google hat Slack, Microsoft Teams und ähnlichen Lösungen nichts entgegenzusetzen – zumindest nicht als Paket. Es ist nicht so, dass diese Tools gerade erst aus dem Boden geschossen sind, denn diese Entwicklung war schon seit Jahren abzusehen. Allerdings dürfte Google wohl erst durch den neuen gezwungenen Home Office-Trend bemerkt haben, dass etwas im Portfolio fehlt. Und das, obwohl man alle Puzzleteile seit Jahren in den Händen hält. Sie müssen nur zusammengesetzt werden.

Einzeln betrachtet hat Google das stärkste Paket gegenüber der Konkurrenz, bietet es bisher aber nicht in gebündelter Form an. Google Docs, Sheets, Slides und Google Drive, Google Kalender, Google Tasks, Google Meet, Google Chat, GMail selbst und weiteres sind starke und (in den meisten Fällen) seit Jahren etablierte Marken. Diese Produkte werden seit langer Zeit in der G Suite gebündelt und spielen auch in Unternehmen eine starke Rolle – aber sind eben nur einzeln nutzbar. Google selbst spricht im Ankündigungs-Video (siehe unten) davon, dass das frustrierend sein kann.

GMail wird zur Zentrale
Google muss nun also eiligst eine Plattform zusammenbasteln, die vom Start weg viele Millionen Nutzer begeistern soll. Um dieses Ziel zu erreichen, hat man sich für GMail entschieden. Das ist zwar nachvollziehbar, weil der Arbeitsalltag vieler Menschen bei GMail beginnt und sich auch den ganzen Tag dort abspielt, aber dennoch ist es ein sehr hohes Risiko. Wer einfach nur E-Mails bearbeiten möchte, braucht diesen ganzen Firlefanz nicht. Noch lassen sich die einfachen Integrationen abschalten, aber das wird auf Dauer und in diesem riesigen Umfang mit Sicherheit nicht so bleiben.

Wäre es denn nicht besser gewesen, eine völlig neue Plattform zu schaffen und GMail dort ebenfalls zu integrieren? Eine ganz neue Plattform, die alle Produkte an zentraler Stelle zusammenfasst und ein darauf optimiertes Design bietet. GMail ist eben immer noch ein Posteingang und heißt auch weiterhin „GMail“. Da wirkt so manch anderes dann unpassend. Ich möchte Dokumente gemeinsam bearbeiten, Aufgabenlisten verwalten, Dateien verwalten und Videochats führen? Dann gehe ich zu GMail mit dem prominenten GMail-Logo. Das passt einfach nicht.

Google wird das sicherlich irgendwann bemerken und vielleicht ein „GMail Lite“ anbieten, das die ganzen Features dann wieder entfernt. Das führt die gesamte Entwicklung zwar ad absurdum, aber ich würde mich fast darauf festnageln lassen, dass wir so etwas innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre sehen werden. Ich habe ja eineinhalb Jahrzehnte Erfahrung in der Google-Beobachtung…




Wäre Google+ DAS Geheimnis gewesen?
Das traurige an der ganzen Sache ist es, dass Google eigentlich schon vor Jahren die perfekte Plattform zum gemeinsamen bearbeiten im Portfolio hatte – nämlich Google+. Der Google+ Stream wäre das optimale Werkzeug gewesen und wurde in der G Suite-Umgebung auch genau für diesen Zweck verwendet. Weil man aber Google+ gerade erst eingestellt und durch Google Currents ersetzt hat, das etwas gesichtslos ist und in den neuen Plänen interessanterweise gar keine Rolle spielt, zieht man das wohl nicht in Betracht.

Natürlich kenne ich die internen Strukturen nicht und vielleicht bietet die GMail-Plattform die besten Möglichkeiten zum schnellen Hochziehen des neuen Angebots. Aber wenn das zu Lasten aller GMail-Nutzer geht und der nach wie vor populärste Freemailer somit uninteressanter wird, war es die ganze Sache nicht wert. Derzeit gilt die gesamte Ankündigung nur für den G Suite-Bereich im Business-Umfeld, aber dabei wird es nicht bleiben.

Nach eigenen Angaben gibt es bei Google intern angestrengte Überlegungen, wie sich eine solche Plattform im privaten Bereich umsetzen ließe. Das ist in der Deutlichkeit mit einer Ankündigung gleichzusetzen… Und die Google Meet-Integration ist ja schon da.

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