Android ohne Google: Neue Smartphones ohne Google-Dienste sind nicht mehr undenkbar – und bald populär?

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Für die allermeisten Menschen außerhalb Chinas ist ein Android-Smartphone ohne Google-Dienste undenkbar und würde für den Kauf niemals in Betracht kommen. Für die Smartphone-Nutzer in der Türkei wird es in der nächsten Zeit allerdings keine Alternative geben, denn Google hat von sich aus die Lizenzierung neuer Android-Smartphones in der Türkei gestoppt und somit allen Beteiligten die Hände gebunden. Aber ist das wirklich so dramatisch?


Android und Google gehören untrennbar zusammen, das gilt sowohl in den Köpfen der Nutzer als auch im Hintergrund. Das Betriebssystem ist zwar grundsätzlich frei, wird aber maßgeblich von Google weiterentwickelt und mit zahlreichen Funktionen aufgebohrt. Google stellt das Betriebssystem jedem Nutzer und Hersteller kostenlos zur Verfügung, wer aber zusätzlich die Google-Dienste vorinstallieren möchte, kommt um eine Lizenzierung nicht herum – und genau diese macht nun immer häufiger Sorgen.

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Das Betriebssystem Android lässt sich ohne Probleme vollkommen ohne Google-Produkte nutzen, auch wenn Android selbst strenggenommen natürlich auch ein Google-Produkt ist. Es lassen sich alle Funktionen eines Smartphones nutzen, zahlreiche Apps installieren und somit eine sehr große Flexibilität herstellen. Auf viele Google-Apps könnten die meisten Nutzer wohl tatsächlich sehr gut verzichten, denn zu Gmail, Google Drive, dem Kalender und vielen weiteren Apps gibt es unzählige Alternativen.

Schwieriger wird es mit starken Produkten wie Google Maps, Google Fotos oder auch YouTube, denn diese lassen sich nicht ohne teilweise sehr große Abstriche ersetzen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass sie allesamt auch im mobilen Browser zur Verfügung stehen und kein Nutzer auf deren Dienste verzichten muss. Die beiden tatsächlich nicht zu ersetzenden Produkte sind der Google Play Store sowie die dazugehörigen Google Play Services.

Mit den Google Play Services kommt zwar kein Nutzer direkt in Berührung, sie liefern aber viele Grundlagen und APIs, die von zahlreichen Apps verwendet und auch vorausgesetzt werden. Sind sie nicht installiert, lassen sich viele Apps gar nicht oder nur eingeschränkt nutzen.



Aufgrund rechtlicher Probleme hat Google vor wenigen Tagen angekündigt, vorerst keine neuen Android-Smartphones in der Türkei zu lizenzieren, weil man ansonsten sehr hohe Strafzahlungen befürchten müsste. Wie lange diese Sperre anhält, kann niemand sagen, denn bis eine Lösung ausgetüftelt wird, umgesetzt wird und dann auch noch von den Behörden und Richtern überprüft wird, könnte theoretisch sehr viel Zeit ins Land gehen. Aufgrund der großen Relevanz (Android hat auch in der Türkei +85 Prozent Marktanteil) könnte das aber vielleicht auch beschleunigt werden.

Die Türkei wird damit ganz unfreiwillig zu einem sehr interessanten Testmarkt, der von vielen Unternehmen sehr genau beobachtet werden dürfte. Während weltweit Huawei-Nutzer entweder ihrer Marke mit Abstrichen treu bleiben oder bei der Konkurrenz nach guten Smartphones suchen können, haben es die Türken nun nicht mehr so leicht. Der Lizenzierungs-Stopp gilt für alle Geräte, alle Hersteller und alle Betreiber. Es greift auf jedes Android-Produkt, das im Land verkauft wird.

Die türkischen Nutzer müssen sich nun also nach Alternativen zu den Google-Produkten umsehen, was den riesigen Markt zu einem großen Testgebiet macht. Alternative App Stores und Apps dürften in dem Land schon bald Hochkonjunktur haben und könnten Googles aktuelle Schwäche dafür nutzen, kräftig zu wachsen und vielleicht auch internationale Signale senden. Und wenn die Türken erst einmal einige Alternativen entdeckt haben, könnten sie auch nach dem Ende von Googles Stopp dabei bleiben.

Natürlich wird es eine sehr lange Zeit dauern, bis es tatsächlich dazu kommt, denn die Sperre gilt nur für neue Geräte. Das bedeutet, dass alle Bestandsnutzer keine Änderung zu befürchten haben und alle aktuell am Markt befindlichen Smartphones dürfen weiter mit den Google-Diensten verkauft werden. Die Nutzer könnten also einfach ältere Modelle kaufen oder den Smartphone-Kauf aufschieben, bis die Lage geklärt ist. Eine Alternative wäre natürlich auch das iPhone, auf dem dann plötzlich mehr vorinstallierte Google-Dienste als unter Android zu finden sind.

Einen großen Knall wird es also vorerst nicht geben, aber dieser Fall zeigt, dass Google sehr schnell dazu in der Lage ist, einem ganzen Land die Android-Versorgung abzudrehen. Die Kläger dürften das sehr genau beobachten und Verfahren mit solch drastischen Folgen sind auch in vielen anderen Ländern denkbar. Auch in der gesamten EU hat Google bekanntlich schon einige Milliarden Strafe aufgrund der App-Bündelung zahlen müssen – und die vorgenommenen Änderungen stehen aktuell schon wieder auf dem Prüfstand.



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Es ist also nicht undenkbar, dass Google auch im gesamten EU-Raum oder zumindest einzelnen Ländern weitere temporäre Sperren verhängen könnte, um sich selbst ein Zeitpolster zu verschaffen. Insbesondere durch die Situation rund um Huawei haben sich aber viele Nutzer und auch Konkurrenten überhaupt mit dieser Möglichkeit beschäftigt, dass es auch ohne Google gehen könnte. Huawei hat das Thema vorbereitet, die Türkei könnte es nun groß machen.

Jede Dominanz endet eines Tages und weil rein aus technischer Sicht kein Hersteller Google und Android das Wasser reichen kann, sind es vor allem solche Prozesse und rechtliche Hürden, die das Google-Android eines Tages ins Wanken bringen könnten. Es wäre fast schon eine Überraschung, wenn nicht in vielen Unternehmen entsprechende Konzepte vorliegen würden, wie man eine solche Schwäche seitens Google sehr schnell ausnützen könnte.

Der aktuelle Fall in der Türkei ging übrigens von einer Klage der russischen Suchmaschine Yandex aus, die nun in der Türkei einen weiteren Erfolg feiern konnte. Diese Geschichte kann sich auch im riesigen Heimatland wiederholen und dürfte Yandex neuen Mut geben. Schon in der Vergangenheit hatte das Unternehmen auch im EU-Raum immer wieder Bedenken gegenüber Googles Dominanz angemeldet – und bei der EU-Kommission stößt man in solchen Angelegenheiten bekanntlich sehr schnell auf offene Ohren…

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