Interessante Geschichte: So haben YouTube-Entwickler den Internet Explorer praktisch über Nacht zerstört

microsoft 

Einige Leser werden sich vielleicht noch mit Schrecken erinnern: Es gab eine Zeit, in der der Internet Explorer 6 der dominierende Browser gewesen ist und vor allem Webdesigner an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen konnte. Jetzt hat ein ehemaliger YouTube-Entwickler einen interessanten Einblick gegeben, wie die Videoplattform vor zehn Jahren den Microsoft-Browser praktisch im Alleingang zerstört hat. Und das ohne Googles Segen.


In den grauen Wintel-Zeiten war der Microsoft Internet Explorer ein fester Bestandteil des Windows-Betriebssystems und konnte allein dadurch mehr als 90 Prozent Marktanteil erreichen. Der berühmte „optimiert für IE6 und 1024×768“-Button war praktisch Standard im Web. Allerdings war der Browser nicht nur ein einziges Sicherheitsrisiko, sondern interpretierte Web-Standards eher locker und sorgte für Kopfzerbrechen bei Webdesignern.

internet explorer destroy

Irgendwann ging die Dominanz des Internet Explorer zu Ende, doch diese Zeiten waren für Webdesigner fast noch schlimmer: Denn plötzlich mussten sie dem Standard entsprechend (Chrome, Firefox, Opera) UND für den Internet Explorer entwickeln – was gerade bei größeren Projekten ein riesiges Problem gewesen ist. Vor diesem Problem standen auch die frühen YouTube-Entwickler, die sich bei jeder Neuerung bis zu zwei Wochen lang mit dem Fixen für den Internet Explorer 6 beschäftigen mussten.

Damals hatte der Browser zwar schon einen stetig fallenden Marktanteil, kam aber noch immer bei über 30 Prozent der Internetnutzer und 19 Prozent der YouTube-Nutzer zum Einsatz. Deutlich zuviel, um ihn vollständig zu ignorieren oder die Nutzer gar auszusperren. Bei den Produktmanagern stieß man damals auf taube Ohren, doch das Team wusste sich mit einer fast schon als Nacht-und-Nebel zu bezeichnenden Aktion zu helfen. Und dieser Plan ging mehr als auf.

Statt die Nutzer auszusperren oder Darstellungsfehler im Internet Explorer einfach zu ignorieren, wollte man sie einfach darauf hinweisen, dass sie einen veralteten Browser verwenden, der schon bald nicht mehr unterstützt wird. Das Ganze sollte mit einem Banner umgesetzt werden, den ihr auf folgendem Screenshot seht.



ie6 banner

Der Banner selbst wurde nur YouTube-Nutzern angezeigt, die mit dem Internet Explorer 6 unterwegs waren – immerhin fast jeder fünfte Nutzer. Der Banner war direkt über dem Video platziert und schlug dem Nutzer den Download des aktuellen IE 8, Chrome, Firefox oder Opera (auf dem Screenshot nicht zu sehen) vor. Möglicherweise haben auch einige unserer Nutzer diesen Banner damals zu sehen bekommen und sich dadurch vom Microsoft-Browser abgewendet. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist gar nicht so gering.

Der Banner war nicht abgesegnet
Interessant ist die Story, wie dieser Banner zu YouTube kam: Den YouTube-Entwicklern war schon damals klar, dass dieser Banner von den Produktmanagern niemals freigegeben werden würde. Nach der YouTube-Übernahme durch Google im Jahr 2007 bekamen einige frühe Entwickler (die „OldTuber“) allerdings besondere Berechtigungen und konnten direkt Änderungen am Produktivsystem vornehmen. Mit deren Hilfe konnte der Banner direkt auf der YouTube-Seite platziert werden, ohne einen langen Review- oder Freigabe-Prozess zu durchlaufen.

Vielleicht war es etwas naiv, aber die Entwickler dachten, dass die verantwortlichen Manager niemals etwas von diesem Banner erfahren, da intern nur der Chrome-Browser eingesetzt wurde. Als damals weltweit zweitbeliebteste Webseite konnte das aber natürlich nicht lange verborgen bleiben. Und so kam es, dass sich schon nach wenigen Tagen gleich mehrere Google-Verantwortliche bei YouTube einfanden und Redebedarf hatten. Aber es standen bei weitem keine Kündigungen ins Haus.

Google war schlussendlich überzeugt und begeistert
Zuerst kam der damalige PR-Manager auf das YouTube-Team zu und wollte mehr über den Banner wissen, den er selbst nicht zu Gesicht bekam, aber von unzähligen Tech-Webseiten darüber befragt wurde. Zwar gab es eine kleine Rüge wegen fehlender Absprache, aber durch die zahlreichen positiven Presseberichte kam lediglich ein Lob hinterher.

Außerdem machten sich einige Google-Rechtsanwälte auf den Weg in die YouTube-Zentrale und wollten sicherstellen, dass die Auswahl und Reihenfolge der Browser zufällig gestaltet ist. Wäre der Chrome-Browser zuerst aufgelistet, was er bei den Rechtsanwälten offenbar zufällig gewesen ist, hätte es Konsequenzen geben können, da bereits damals ein Wettbewerbsverfahren in der EU befürchtet wurde (mehr dazu hier). Da die Anordnung aber zufällig gewesen ist, zogen sie ohne Konsequenz wieder ab.



ie6 marktanteil

Obiges Diagramm zeigt, dass die YouTube-Entwickler ihr Ziel mehr als erreicht haben. Eigentlich wollten sie nur den IE-Anteil auf der Videoplattform reduzieren und hätten mit der globalen Auswirkung niemals gerechnet. Der IE6 sackte steil in den Keller und gleichzeitig stieg der Anteil des IE8. Innerhalb weniger Wochen wurde der Anteil der IE6-Nutzer auf der Videoplattform halbiert. Mehr hätte man sich kaum erträumen können und so sank der Marktanteil des ungeliebten Browser irgendwann soweit ab, dass er tatsächlich offiziell ignoriert werden durfte.

Auch einige andere Google-Produkte haben kurz darauf einen solchen Banner angezeigt, wobei vor allem das Google Docs-Team als positives Beispiel hervorgehoben wird, da dies das erste Angebot war, das den Banner mit Absegnung des Produktmanagers schalten konnte. Im Rest des Web hatte sich ein solcher Banner ebenfalls verbreitet und das Ende des IE6 weiter beschleunigt. Ohne die spontane Idee der YouTube-Entwickler hätte der Abstieg aber wohl sehr viel länger gedauert.

» Ausführlicher Beitrag des YouTube-Entwicklers

Siehe auch
» Google gibt auf: Zukünftige YouTube Originals sind für alle Nutzer kostenlos + Top Secret Justin Bieber-Projekt

» Android: EU-Nutzer bekommen bald alternative Browser und Suchmaschinen angeboten – so wird es aussehen

» Schwere Vorwürfe: Google soll den Chrome-Browser durch Firefox-Sabotage in den Markt gedrückt haben


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