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Google Glass: Flop mit Ansage – erste smarte Brille ist an Größenwahn, Sergey Brin und Sinnfrage gescheitert

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Google will in diesem Jahr mit den Android XR Smart Glasses durchstarten, deren gesamte Umgebung sich seit langer Zeit in Entwicklung befindet. Die smarten Brillen treten ein schweres Erbe an, das ausgerechnet die Wurzeln dieses Projekt bildet: Der Megaflop Google Glass. Jetzt geben einige am damaligen Projekt beteiligte Entwickler sowie Google-Gründer Sergey Brin sehr interessante Einblicke.


Google ist dafür bekannt, immer wieder neue Projekte zu starten, dabei keine Kosten und Mühen zu scheuen und sich erst später um einen sinnvollen Nutzen Gedanken zu machen – das galt früher noch sehr viel mehr als heute. Wenn ein Projekt nicht erfolgreich ist, stellt man es ohne Rücksicht auf Verluste ein und oftmals sind die eingestellten Produkte auch schnell vergessen. Doch nicht so bei Google Glass, das auch weit als ein Jahrzehnt nach seiner Einstellung noch vielen Menschen gut bekannt ist.

Dass Produkte floppen gehört im Unternehmensalltag dazu – ärgerlich, aber manchmal nicht zu ändern. Dass ein Produkt aber floppt, über viele Jahre unvergessen bleibt und noch dazu eine gesamte Produktkategorie nachhaltig und vielleicht dauerhaft beschädigt, ist schon beachtlich. Doch genau das ist mit Google Glass geschehen, das selbst das oftmals als größten IT-Flop bezeichnete „Microsoft Bob“ in den Schatten stellt. Jede smarte Brille muss sich auch heute noch dem damaligen „Glassholes“-Aufruhr stellen und die Probleme lösen.

Auch bei Google weiß man sehr genau, dass Glass unvergessen ist und nicht unter den Teppich gekehrt werden kann. Daher versucht man die Flucht nach vorn, versucht den damaligen Flop zu erklären und dadurch zu unterstreichen, dass man aus den Fehlern gelernt hat. Das ist wohl die beste Strategie. Wir haben in den vergangenen Monaten mehrfach über die Gründe für den Glass-Flop berichtet und in diesem Artikel wollen wir noch einmal alles zusammenfassen.

Wir beginnen mit den Aussagen des damaligen Chefentwicklers Warren Craddock über die damalige Stimmung im Team und schauen danach, was Teamleiter bzw. Produktmanager Sergey Brin rückblickend zu sagen hat.




Unnötig und unschön

Google Glass actually had *two* fatal flaws:

– It didn't really do anything very useful.
– You looked stupid while wearing it.

The culture in the Google Glass team grew to completely ignore these flaws, too.

Schon mit dem ersten Statement zu Google Glass wird gut zusammengefasst, woran das Produkt gescheitert ist: Es sah nicht gut aus, als Träger sah man noch schlimmer aus als das Produkt und es gab gar keinen praktischen Vorteil. Kurzgesagt, das Produkt war überhaupt nicht notwendig. Google Glass mag technisch damals wie heute beeindruckend gewesen sein, aber es war schlicht nicht notwendig. Die auf die Mitmenschen gerichtete Kamera sorgte bei Vielen für ein mulmiges Gefühl und das Display in der Ecke führte dazu, dass die Träger nicht nach vorn, sondern in die Ecke starrten.

Keine Killer-App

The engineers spent their days testing Glass with vapid questions like, "Ok Glass, how tall is the Eiffel Tower?" and taking phots of the potted plants on their desks.

Phone notifications are bad enough. No one wanted them on their faces, too.

Glass just wasn't useful.

Nicht nur das Gerät war unnötig, sondern es gab auch keinen Anwendungsfall. Google wusste, dass man ein starkes Stück Hardware in den Händen hielt, wusste aber nicht, wozu man es gebrauchen könnte. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass Google damals hohe Prämien für externe Entwickler ausgelobt hatte, die Killer-Apps oder Ideen liefern. Das zeugte von einer gewissen Planlosigkeit, so etwas gab es zuvor und danach nie wieder. Wenn man bei externen Entwicklern auf Ideensuche gehen muss, ist das kein gutes Zeichen für ein neues Produkt.

Selbst das Team hat Glass nicht genutzt

Wearing Glass also made you look stupid.

No one ever wore Glass at the office. The devices sat on our desks, plugged into USB, endlessly charging.

The team tried to paper over this flaw, too. They launched an infamous photo spread in Vogue.

Als Kombination aus den ersten beiden Punkten ergab sich die logische Folge: Weil das Produkt unnötig war, keinen Mehrwert bot und selbst die Entwickler gar nicht wussten, was sie damit anstellen sollten, wurde es intern nicht genutzt. Das Team selbst hat Google Glass nicht genutzt und es wohl nur dann auf die Nase gesetzt, wenn Sergey Brin mal kurz vorbeigeschaut hat. Natürlich konnte man das damals nicht in der Deutlichkeit sagen und jede grobe Kritik hätte wohl den Schleudersitz bedeutet, aber genau das hat das Scheitern verstärkt.

Weil das Team das Produkt selbst nicht eingesetzt hat oder einsetzen wollte, konnte man auch die offensichtlichen Schwächen im wahrsten Sinne des Wortes nicht erkennen. Gleichzeitig war das schon eine Warnung: Wenn selbst das Tech-begeisterte Team es nicht einsetzen will, wie sollte man dann die Nutzerschaft davon überzeugen, das knapp 2000 Dollar teure Gerät zu kaufen?




Niemand wollte Glass, aber keiner gab es zu

Unsurprisingly (at least in retrospect) that also failed to change the reality of Glass's fatal flaws.

The team never directly acknowledged the fatal flaws at all.

Instead, they trundled on, trying to push an ugly, useless product into a market that clearly didn't want it.

Im Team selbst soll man sich wohl selbst nie eingestanden haben, hier an einem Megaflop zu arbeiten und mit der Wand voraus noch einmal Vollgas zu geben. Das kennt man aus großen Unternehmen: Jeder weiß, dass etwas schlecht läuft, aber keiner traut es sich zu sagen. So etwas kann in einem großen Konzern schnell untergehen, also ducken, keine Fragen stellen und weitermachen. So dürfte es wohl gelaufen sein.

Sergey Brin hatte keine Ahnung von Produktentwicklung

Google-Gründer Sergey Brin hatte schon im vergangenen Jahr eingestanden, gar keine Ahnung von Produktentwicklung gehabt zu haben – hat aber dennoch die Leitung des Projekts übernommen. Er hatte keine Ahnung von der Technologie, von dem Produkt und auch nicht von den Lieferketten in dieser Branche – und offenbar auch nicht den Mut, dies sich selbst oder gegenüber dem Team zuzugeben. Google war schon damals ein Milliardenkonzern mit 54.000 Mitarbeitern.

Als Unternehmensgründer hätte Sergey Brin alle Möglichkeiten gehabt, die Projektleitung abzugeben oder um Rat zu fragen – doch er tat es nicht. Stattdessen hielt er einfach weiter drauf und hoffte wohl, dass sich das Produkt von selbst trägt. Und das lag wohl vor allem am letzten Punkt, der erst vor wenigen Tagen von Brin eingestanden wurde.

Google-Gründer hielt sich für Steve Jobs

Wenn Sie eine coole neue Idee für ein tragbares Gerät haben, sollten Sie diese wirklich gründlich ausarbeiten, bevor Sie einen coolen Stunt mit Fallschirmspringen und Luftschiffen planen. Das ist ein Tipp, den ich Ihnen geben würde.

Beflügelt von den technischen Möglichkeiten und den revolutionären Funktionen von Google Glass, sah sich Google-Gründer Sergey Brin am Ziel seiner Träume. Er selbst beschrieb es in einem interessanten ausführlichen Google Glass-Statement im Dezember 2025 so, dass er sich für den nächsten Steve Jobs hielt. Er sah für sich selbst den iPhone-Moment gekommen, der die Tech-Welt verändert – und er leitete das Produkt bzw. stand auch selbst bei der Präsentation auf der Bühne. Etwas, das danach übrigens ebenfalls nie wieder passiert ist.




Google Glass war eine Zäsur
Der Flop von Google Glass hatte nicht nur die gesamte (sehr kleine) Smart Glasses-Industrie nachhaltig beschädigt, sondern auch jegliche Entwicklungen in den folgenden Jahren erschwert. Es hat Google-Gründer Sergey Brin sowohl nach Außen hin als auch vermutlich intern beschädigt, der aber natürlich durch seine Rolle und Unternehmensanteile keine ernsthaften Folgen zu befürchten hatte. Jeder andere Produktmanager wäre schon 10x vor die Tür gesetzt worden.

Allerdings hat Brins Mitwirken im Team auch dafür gesorgt, dass dieses wohl endlose Geldmittel hatte und daher unkontrolliert arbeiten konnte. Was Innovation fördern sollte, stellte sich im Nachhinein als fataler Fehler heraus.

Doch Glass hat auch dafür gesorgt, dass Google den Datenschutz und die Privatsphäre der Nutzer in einem etwas anderen Licht gesehen hat. Es wurde niemals erwähnt oder ein Zusammenhang hergestellt, doch in den Monaten und Jahren danach wurden diese Themen bei Google sehr groß geschrieben und sind es noch heute. Natürlich war das auch schon vor den Glass-Zeiten bei Google sehr wichtig, aber das Projekt hat vieles sicherlich verstärkt.

Bleibt zu hoffen, für Google, für die Entwickler und für interessierte Nutzer, dass man wirklich etwas gelernt hat und mit den Android XR Smart Glasses neue Wege geht. Es ist schon sehr viel bekannt, siehe den folgenden verlinkten Artikel, aber wie die Geräte dann tatsächlich positioniert und eingesetzt werden, muss sich noch zeigen.

» Android XR: Das sind Googles neue Smart Glasses – drei unterschiedliche Produktlinien mit Gemini (Videos)

» Android XR & Gemini: Wackelt der neue Smart Glasses-Anlauf? Google hat noch nichts vorzuweisen (Meinung)

Letzte Aktualisierung am 2026-01-10 / Bilder von der Amazon Product Advertising API / Affiliate Links, vielen Dank für eure Unterstützung! Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.


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