Google fürchtet das Huawei-Betriebssystem: Ist das ‚Ark OS‘ des Smartphone-Herstellers wirklich so gefährlich?

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Vor knapp einem Monat hat die US-Regierung Huawei auf die Handels-Blacklist gesetzt und so dafür gesorgt, dass viele Unternehmen ihre Partnerschaft mit dem chinesischen Hersteller vorerst auf Eis legen. Google war eines der ersten Unternehmen, dass die Konsequenzen gezogen und sich von Huawei verabschiedet hat. Jetzt möchte es auch zu einem der ersten Unternehmen werden, dass die Zusammenarbeit dauerhaft wieder aufnehmen kann. Google begründet dies mit ernsten Sicherheitsbedenken – aber wäre ein eigenes Huawei-Betriebssystem tatsächlich ein Risiko?


Huawei hat sowohl auf das Blacklisting der USA als auch auf den Verlust aller wichtigen Zulieferer erstaunlich gelassen reagiert und betonte immer wieder, mit dem Eintreten dieser Situation gerechnet zu haben. Ob man tatsächlich auch auf eine solche Dimension vorbereitet war, ist eher fraglich. Zwar stehen Alternativen bereit, aber selbst Huaweis eigenes Betriebssystem Ark OS scheint noch nicht bereit zu sein, denn das Unternehmen hat eine zeitnahe Auslieferung dementiert.

android huawei logo

Welche Folgen ein eigenes Betriebssystem von Huawei für den gesamten Smartphone-Markt hätte, haben wir bereits ausführlich diskutiert, aber die langfristigen Auswirkungen kann natürlich niemand vorhersagen. Google scheint von den Plänen Huaweis jedenfalls nicht so begeistert zu sein und soll bei der US-Regierung nun eine Ausnahmegenehmigung beantragen wollen, weil es nach eigenen Angaben zu große Sicherheitsbedenken gibt.

Google has been arguing that by stopping it from dealing with Huawei, the US risks creating two kinds of Android operating system: the genuine version and a hybrid one. The hybrid one is likely to have more bugs in it than the Google one, and so could put Huawei phones more at risk of being hacked, not least by China.

Google begründet diese Bedenken angeblich damit, dass ein geforktes Android neben Googles Version möglicherweise nicht so sicher ist wie das hauseigene Original und somit stärker Gefahr läuft, Opfer von Hackerangriffen zu werden. Das ist zwar ein kluger Schachzug, aber mit einer alternativen Interpretation sagt Google einfach nur, dass andere Hersteller nicht dazu in der Lage sind, ein sicheres Betriebssystem zu entwickeln.

Das erinnert etwas an den Vorwurf, den der möglicherweise neue App Store von Huawei, Aptoide gegen Googles Play Store erhebt.



Diese Aussage passt auch nicht unbedingt zum Open Source-Gedanken von Android, denn Google betont gerade bei Wettbewerbsverfahren immer wieder, dass Android vollkommen frei ist und ohne Google-Dienste von jedem Nutzer verwendet werden kann. Das hierzulande bekannteste Beispiel ist Amazon, vor dem Google bisher auch nie gewarnt hat. In China hingegen sind Android-Forks Standard und die Smartphones werden nahezu vollständig ohne Google-Dienste verkauft.

Wie hoch ist das Risiko wirklich?
Aber mal abgesehen davon, dass Google Huawei die Entwicklung eines sicheren Android-Ablegers nicht zutraut, wie gefährlich könnte eine solche alternative Android-Version denn tatsächlich sein? Natürlich ist es gut möglich, dass immer wieder Sicherheitslücken auftreten, die von Huawei nicht so schnell gestopft werden wie von Google. Grundsätzlich wären die Smartphones damit ein willkommenes Einfallstor für Angreifer – aber gilt diese Situation nicht auch für den großen Rest des Smartphone-Marktes?

Hunderte Millionen Android-Smartphones werden aufgrund ihres Alters nicht mehr mit Sicherheitsupdates versorgt und sind gleichermaßen anfällig. Ob nun neue oder betagte Smartphones unsicher sind, spielt zwar für den Nutzer eine große Rolle, ist für das Ökosystem aber schlussendlich nicht unbedingt relevant. Die Frage ist natürlich auch, welche Rolle es für die Strategie der US-Regierung spielt, dass die Nutzer „unsichere“ Smartphones verwenden. Eigentlich gar keine.

Viel mehr dürfte Google auf ein anderes Problem anspielen, das man aber nicht so leicht beim Namen nennen kann. Bisher kontrollieren US-Unternehmen 100 Prozent des mobilen Betriebssystem-Marktes. Kommt nun Huawei dazu, gibt es die Gefahr, dass sich ein ausländisches Betriebssystem außerhalb der eigenen Kontrolle im Markt etabliert und somit die Gefahr der Spionage – die man eigentlich verhindern wollte – erst recht gegeben ist.

Das Blacklisting wurde erst durch Spionage-Vorwürfe überhaupt in Kraft gesetzt und als Folge dessen droht man nun ausgerechnet die Kontrolle über die Geräte zu verlieren, mit denen die Spionage am effektivsten möglich wäre. Das soll natürlich nicht heißen, dass die US-Regierung Einfluss auf Android und die immer wieder heraufbeschworenen Backdoors im Betriebssystem hat. Aber als US-Unternehmen steht Google eben doch in einigen Punkten gewissermaßen unter Kontrolle einige Behörden, natürlich stets im Rahmen der nationalen Sicherheit 😉



Der Vorstoß seitens Google ist ein kluger Schachzug, vor allem die vorgeschobene Begründung. Natürlich spielen aber auch wirtschaftliche Interessen mit in die Angelegenheit herein. Google ist in der komfortablen Situation, absolut keine Konkurrenz zu haben – denn Apple ist eine völlig eigene Liga und beschränkt sich nur auf die eigenen Geräte. Dass der weltweit zweitgrößte Smartphone-Hersteller plötzlich einen Konkurrenten ins Rennen schicken könnte, passt da nicht wirklich in den Plan.

Natürlich muss man abwarten, ob Huawei auch ohne Google-Dienste erfolgreich sein kann. Schon jetzt hat das Unternehmen damit begonnen, die Nutzer auf Veränderungen einzuschwören und bisher sind die Reaktionen eher positiv statt negativ. Und wenn Huawei tatsächlich Erfolg haben sollte, kann das sehr schnell auch zu einem Umdenken der anderen chinesischen Hersteller wie Xiaomi, Oppo oder OnePlus führen. Selbst der weltgrößte Smartphone-Hersteller Samsung hätte mit Tizen eine Alternative im Feuer, die bei Bedarf gezogen werden könnte.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass Google hier gleich in mehreren Punkten ein großes Risiko sieht, das man um jeden Preis verhindern muss – selbst wenn man sich dafür mit der eigenen Regierung anlegen muss. Gerade in Zeiten des drohenden Kartellverfahrens gegen Google vielleicht nicht die beste Idee, aber dennoch notwendig. Vor allem für die Nutzer bleibt es zu hoffen, dass sich die Angelegenheit ohne große Umstände irgendwann von selbst löst.

Siehe auch
» Behält Huawei die Android-Lizenz? Google will aus Sicherheitsgründen weiter mit Huawei kooperieren

» Donald Trump: Huawei ist sehr gefährlich, könnte aber dennoch Teil eines Handelsabkommens werden

» HongMeng OS & Aptoide: Welche Folgen könnten Huaweis Google-Alternativen für Android haben?


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comment 8 Kommentare zum Thema "Google fürchtet das Huawei-Betriebssystem: Ist das ‚Ark OS‘ des Smartphone-Herstellers wirklich so gefährlich?"

  • Vielleicht geht es ja auch darum, dass Google einfach einen Riesen-, Riesen-, Riesenmarkt verliert, wenn Huawei sein eigenes OS launcht. Sollte es Samsung dann auch noch Huawei gleichtun und ein Samsung OS (Könnte in Anlehnung an „Smart Things“ „Smart OS“ heißen) auf den Geräten vorinstallieren, was ich persönlich glaube, dass das irgendwann kommt, dann wäre Google in Relation schlicht „out of Business“. Dann wären sie das nächste Microsoft in der Mobile World. „Bixby“ hat Samsung ja schon und mit „Smart Things“ sind sie in Wirklichkeit weiter i in die IOT Welt vorgedrungen als alle anderen Anbieter. Samsung ist schon auf Millionen von Fernsehern, Kühlschränken, Klimaanlagen, Waschmaschinen etc. wo Google erst noch hin will. Dann hätte Google noch die Hand auf ein paar „unter ferner liefen“ Geräten und ihren eigenen Ladenhütern namens Pixel (Die übrigens sehr gut sind, aber auch sehr teuer und einfach nicht gekauft werden). Unter „Mobile First“ Aspekten könnte das Google ruinieren. Meines Erachtens ist es das, was Google ängstigt. Nicht der fürsorgliche und in diesem Zusammenhang eher lächerliche Spionagegedanke. Google wird sich hier bewußt, dass die Leute eben immer noch ein Gerät kaufen und kein OS. Und im Gerätemarkt spielen sie keine nennenswerte Rolle. In meinem Umfeld antworten noch immer die meisten auf die Frage, ob sie ein iOS oder Android-Gerät haben: „Weder noch, ich habe ein Samsung.“ Wenn Samsung und Huawei ein eigenes OS launchen ist Google wirtschaftlich am Ende! Das mächtige Google ist eben immer nur Gast auf der Hardware, deswegen sollte man die Gastfreundschaft nicht aufs Spiel setzen.

  • „Google war eines der ersten Unternehmen, dass die Konsequenzen gezogen und sich von Huawei verabschiedet hat. Jetzt möchte es auch zu einem der ersten Unternehmen werden, dass die Zusammenarbeit dauerhaft wieder aufnehmen kann.“ bitte Rechtschreibung | dass –> das | beachten. Danke!

  • Android muss dringend ernste Konkurrenz bekommen. Es ist höchste Zeit diese spy und werbe verseuchte scheisse ins Orbit zu schicken.

    • Vielleicht mal Zeit zu überdenken ob vielleicht, wenn ein Herr Trump es möchte und durchsetzt bei uns auch kein Windows, kein Android, ein Grossteil der Denic und Webservice z.B. Exchangeserver usw. nicht mehr läuft…
      Nicht als schwarzsehen gedacht, nur mal so aus Sicht der Abhängigkeiten gedacht…

    • Ich würde das anders formulieren: Die vollkommen von den USA dominierte IT-Infrastruktur muss Konkurrenz bekommen. Diese Monopole sind nicht gut und sie werden als Machtinstrument missbraucht. Das gefährdet am Ende nicht nur die freie Wirtschaft sondern vor allem auch die Meinungsfreiheit und den unabhängigen Journalismus.
      Freie, Investigative Medien sind schon heute nur noch so viel wert, wie sie bei Facebook in den Newsfeed auftauchen und wie weit oben Google sie verlinkt. Es ist durchaus interessant die Toptreffer von Google, Yandex und baidu zu bestimmten Themen miteinander zu vergleichen. Unabhängig von der Lokalisierung die natürlich auch – und zurecht – die dominante Rolle spielt.

  • Tja, schätzungweise beziehen sich „Sicherheitsbedenken“ eher darauf, dass es dann nicht mehr so einfach ist, die ganze Welt auszuspionieren.
    Dass die NSA Huawei gehackt hatte und geplant sämtliche Huawei-Software mit Backdoors zu garnieren, wissen wir seit Snowden. Und dass die Amis anderen immer genau das vorwerfen, was sie selbst tun ist ebenfalls ein offenes Geheimnis

  • Derzeit entwickeln ca. 10.000 Programmierer bei Huawei ein möglichst ebeso leistungsfähiges OS – ohne US-Abhängigkeiten. Da sie dreischichtig arbeiten, entspricht das annähernd 30.000 Leuten. Damit lässt sich einiges machen.

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